Der Verlust eines Arms oder eines Teils davon bringt große Veränderungen mit sich, doch dank moderner und innovativer Prothesenlösungen können Anwender*innen ihr Leben wieder selbstbestimmter gestalten. Die vielfältige Auswahl an Armprothesen, die von kosmetischen Prothesen bis hin zu multiartikulierenden Prothesenhänden reicht, bieten für alle Anwender*innen eine passende Lösung. Egal, ob im Alltag oder in der Freizeit – die Prothesenversorgung kann auf die individuellen Bedürfnisse und Anforderungen der Anwender*innen abgestimmt werden.

Amputationshöhen und Dysmelien

Das Fehlen einer Gliedmaße kann angeboren sein (Dysmelie) oder ist auf eine medizinisch notwendige Amputation zurückzuführen. Auf Grundlage der Diagnose und dem Grund der Amputation bestimmt ein Arzt die Amputationshöhe. Die verschiedenen Amputationshöhen beeinflussen die Rehabilitation und die prothetische Versorgung, die immer individuell auf den/die Patient*in abgestimmt werden muss.

Die Amputationshöhen werden wie folgt unterteilt:

  • Hand- und Fingeramputation (Teilhandamputation)
    Diese Amputationen erfolgen distal (vom Herzen entfernt liegend) des Handgelenks. Dabei werden Teile der Hand und/oder der Finger entfernt. Im Gegensatz zur Handgelenksexartikulation bleibt das Handgelenk erhalten und mit ihm i.d.R. auch seine Funktion. Das Greifen wird bei verbliebenen Fingern oder Teilfingern durch eine Prothese ermöglicht.

  • Handgelenksexartikulation
    Die gesamte Hand wird im Bereich des Handgelenks amputiert, wodurch die Fähigkeit, das Handgelenk zu bewegen, verloren geht.

  • Unterarmamputation (transradiale Amputation)
    Die Amputation erfolgt unterhalb des Ellenbogens, wodurch die Ein- und Auswärtsdrehung des Unterarms erhalten bleibt.

  • Oberarmamputation (transhumerale Amputation)
    Hier wird die Amputation oberhalb des Ellenbogens und unterhalb der Schulter durchgeführt.

  • Schulterexartikulation
    Die Amputation wird im Bereich des Schultergelenks durchgeführt.

  • Schultergürtelamputation
    Der gesamte Arm und Teile des Schultergürtels werden amputiert.

Formen der prothetischen Versorgung

Es gibt diverse Formen der prothetischen Versorgung, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Anwender*innen angepasst werden können. Gemeinsam mit dem/der Orthopädietechniker*in werden die Wünsche und physischen Voraussetzungen besprochen und geprüft, um die passende Versorgung zusammenzustellen.

Prothesenaufbau

Prothesenschaft

Der Schaft stellt die Verbindung zwischen dem künstlichen Ellenbogen bzw. Handgelenk und Körper her und nimmt das Volumen des Stumpfs auf. Der Schaft muss der Prothese stets stabilen Halt bieten. Das ist insbesondere bei myoelektrischen Prothesen wichtig, damit die Elektroden die Myo-Signale stets an derselben Stelle erfassen und somit eine konstant gute Kontrolle der Prothese gewährleisten können.

Die Prothese setzt sich aus Innen- und Außenschaft zusammen. Der Innenschaft umschließt den Stumpf exakt und sorgt für eine optimale Stumpfbettung, indem er das Stumpfvolumen aufnimmt, Haftung bietet und Komfort gewährleistet. Bei myoelektrischen Prothesen wird er verwendet, um die Elektroden zu platzieren. Er wird aus weichen, elastischen oder flexiblen Materialien hergestellt.

Der Außenschaft dient der Wiederherstellung des äußeren Erscheinungsbildes und stellt die Verbindung zwischen zum Handgelenk- und Handpassteil dar. Er nimmt Kräfte auf und überträgt sie weiter. Außerdem lenkt er zuggesteuerte Bandagen, die vor allem bei Eigenkraftprothesen zum Einsatz kommen. Im Außenschaft sind zudem bei myoelektrischen Versorgungen Bauteile und Systempassteile integriert.

Eigenkraftprothesen

Eigenkraftprothesen funktionieren mithilfe eines Seilzug-Gurt-Systems, das die Prothese fixiert und zugleich die Steuerung ermöglicht. Die Prothesenkomponenten werden über die eigene Körperkraft gesteuert, indem Schulterblatt und Oberarm bewegt werden. Bei einigen Systemen erfolgt die Steuerung über ein Zugsystem am gegenüberliegenden Arm. Solche kraftzuggesteuerten Prothesen können sich für körperlich anspruchsvolle Arbeiten eignen und zeichnen sich durch Robustheit sowie einen geringeren Wartungsbedarf aus.

Mit der Metacarpal GEM steht die erste multiartikulierende Kraftzugprothesenhand zur Verfügung, die direktes Kraftfeedback, hohe Belastbarkeit und eine intuitive Steuerung vereint. Über den Seilzug erhalten Anwender*innen direkt eine haptische Rückmeldung über die eingesetzte Greifkraft, wodurch sie ihre Bewegungen besser kontrollieren und anpassen können. Dank der Reactive Grasp Technology™ passen sich die Finger automatisch an unterschiedliche Formen an und unterstützen so auch feinmotorische Greifbewegungen. Der robuste, wasserdichte Aufbau ohne Elektronik macht die Hand zudem langlebig und wartungsarm.

Myoelektrische Prothesenkomponenten

Myoelektrische Armprothesen funktionieren, indem die Muskulatur im Stumpf kontrahiert wird. Die dabei entstehenden elektrischen Signale (myoelektrische Potenziale) werden über Elektroden auf der Hautoberfläche erfasst und zur Steuerung der Prothesenfunktionen genutzt. Anwender*innen können durch die proportionale Steuerung von myoelektrischen Prothesen sowohl feinfühlig als auch kraftvoll zugreifen.

Mit Arbeitsgreifern wie dem ETD1 und ETD2 können kleine Gegenstände leicht gegriffen werden. Myoelektrische Prothesenhände wie zum Beispiel die ProPlusHand können einfache Greifbewegungen umsetzen und sind dazu in der Lage, Gegenstände zu greifen und festzuhalten. Ein zusätzlicher Drehmotor simuliert das Handgelenk und die Prothesenhand kann über die myoelektrische Steuerung auch gedreht werden.

Durch multiartikulierende Prothesenhände wie die COVVI Hand können nicht nur einfache Greifbewegungen ausgeführt, sondern auch jeder Finger unabhängig voneinander angesteuert werden. So können verschiedenste Griffmuster erzeugt werden, um Tastaturen zu bedienen, Dinge zu greifen oder Werkzeuge zu verwenden.

Für multiartikulierende Hände werden verschiedene Steuerungsmöglichkeiten angeboten. Die meisten dieser Steuerungssysteme werden zusätzlich über eine Software an die Voraussetzungen und Bedürfnisse der Anwender*innen angepasst, um die bestmögliche Versorgungsqualität zu erreichen.

Bei Oberarmprothesen stehen verschiedene Arten von Ellenbogengelenken zur Verfügung, die sich hinsichtlich ihrer Funktionsweise unterscheiden. Dazu zählen passive Gelenke, die manuell positioniert werden, mechanische Gelenke mit Seilzugtechnik, die über Körperbewegungen – beispielsweise durch Beugezug oder Vorschwingen – betätigt werden, sowie motorisierte Gelenkeinheiten, die ausschließlich über myoelektrische Signale angesteuert werden.

Für Oberarmprothesen gibt es myoelektrische Ellenbogenpassteile mit passivem Ellenbogengelenk wie den Motion Arm oder auch den Utah Arm 3, mit dem die Prothesenhand und das Ellenbogengelenk myoelektrisch gesteuert werden.

Für myoelektrische Prothesen gibt es verschiedene Steuerungssysteme, die unterschiedliche Anforderungen abdecken – sowohl in Bezug auf den Aufbau der Prothese als auch bei der späteren Nutzung in Alltag und Beruf. Dabei reichen die Steuerungssysteme von einfachen Zwei-Kanal-Elektroden zu vollständig individualisierbaren Vektorsteuerungen.